
Tiroler Barockfrömmigkeit am Beispiel des Heiligen Grabes von Moos
„Oh Mensch, bedenk die Ewigkeit!
Das religiöse Leben in unserem Lande Südtirol nahm in der Zeit des Barock einen erstaunlichen Aufschwung. Weil die Protestanten viele religiöse Praktiken des Volksglaubens ablehnten, betonten die Katholiken diese um so mehr. Vielerorts errichteten fromme Menschen nach der Rückkehr von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land eine Heiliggrabkapelle oder gar eine Heiliggrabkirche, Zu einem beliebten Thema der barocken Volksfrömmigkeit wurden die Heiligen Gräber.
Deren Aufbau löste in den Pfarreien geradezu einen heiligen Wettstreit aus. Einzelne Pfarrkirchen verwandelten sich in eine regelrechte Gartenschau mit Springbrunnen und einem Meer von Blumen und Pflanzen. Der im Jahre 1737 in St. Martin geborene Barockmaler Joseph Haller schuf um 1771 in Moos eines der bedeutendsten Heiligen Gräber von Tirol.
Erreichbar ist das Grab mit dem Linienbus oder Pkw von Ihrem Relaxhotel in Meran.
Alle zwei Jahre wird in Moos das prächtige Heilige Grab aufgebaut. Es nimmt bis zum Weißen Sonntag fast den gesamten Altarraum ein und verstellt die Sicht zum Hochaltar. Das Altarbild, die Aufnahme Mariens in den Himmel, ist ein Werk von Nikolaus Auer. dem Begründer der Passeirer Malerschule. Dieser ländlichen Akademie, die von 1719 bis 1845 ein künstlerisches Schaffen aufzuweisen hatte, gehörte auch Joseph Haller an. Er war der bedeutendste Maler der Passeirer Malerschule und schuf das sehenswerte Heilige Grab in Moos.
Das Andenken an diesen großen Passeirer Künstler ist mit einer Dissertation gewahrt. welche Barbara Zingerle im Jahr 1978 an der Leopold-Franzens- Universität in Innsbruck erstellte, Barbara Zingerle, heute Diözesankonservatorin in Graz, hat in mühevoller Kleinarbeit den ganzen süddeutschen Raum nach Spuren von Joseph Haller durchkämmt. Dabei ist sie auch auf das Heilige Grab von Moos gestoßen.
„Tatsächlich konnte ich zwei Leinwandrollen im Widum von Moos ausfindig machen, die sich als Überreste eines Heiligen Grabes entpuppten", schreibt sie in der Monographie über Joseph Haller. „Die Leinwandteile befinden sich. seit fast zwei Jahrhunderten zusammengerollt und schutzlos aufbewahrt, in sehr schlechtem Zustand", so die Einschätzung der Kunstexpertin.
Das Kunstwerk hatte wohl in der Zeit der Aufklärung und des Josephinismus stark an Ansehen eingebüßt und verstaubte in der „Rumpelkammer" des Widums. Die duftigen Bilder
von „glühendem Kolorit" wurden von Beda Weber wegen ihrer ..Unnatur und Verzerrung" gerügt, da sie ihm „zu grell und ohne nuancierte Übergänge, mehr gekleckst als gemahlt" erschienen. Heute zählen diese Schöpfungen zu den besten Werken tirolischen und österreichischen Rokokos, die nicht nur in europäischen Museen geschätzt sind.
Die vorgefundenen 22 Leinwandteile hatten zahlreiche Risse, und nur ein Teil war auf den originalen Rahmen gespannt. Die Pfarre Moos ließ hierauf die vier Kulissen, die alle ein Ausmaß von drei bis vier Meter Höhe hatten, restaurieren und auf neue Rahmen aufziehen. Seit einigen jähren ist dieses bemerkenswerte Werk im Zweijahresrhythmus zur Osterzeit in der Pfarrkirche in Moos zu sehen, die im Vorjahr zum 600-Jährigen Bestandsjubiläum gründlich restauriert wurde.
Der Maler Joseph Haller (1737-1775) wurde in St. Martin als fünftes von sieben Kindern geboren. Er kam zu den Malern Nikolaus und Benedikt Auer in die Lehre und setzte seine Ausbildung in Augsburg fort, wo er vom süddeutschen Malerkreis des 18. Jahrhunderts, dem Augsburger Rokoko, geprägt wurde. 1769 kehrte er ins Tal zurück, wo er 1773 starb.
Fast vergessener Künstler
Hallers glänzende Begabung zeigt sich als Freskomaler in der Pfarrkirche von Ridnaun und vor allem in der großartigen Kirche in Neustift im Stubaital. Seine Ölbilder sind in Privatbesitz oder in Galerien in Graz und Wien aufbewahrt. Eine ungefähre Vorstellung von seinem Können kann sich jedermann machen, der durch St. Martin geht. Beispiele seiner Fassadenmalerei finden sich am Erker des „Turmhauses" und am Oberwirtshaus im Dorfzentrum.
Barbara Zingerle bezeichnet im Vorwort zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit Joseph Haller als eine bis 1960 fast vergessene Künstlerpersönlichkeit mit einem sehr eigenständigen Rokokostil und brillantem Farbengefühl".
Zwei Jahre vor seinem Tod nahm der Künstler den Auftrag in Moos an. Ikonographisch hielt sich Haller an die in der Mitte des 18. Jahrhunderts übliche Ausstattung eines Heiligen Grabes mit Gartenanlagen, Architekturteilen, Evangelisten- oder Prophetendarstellungen.
Ein Ziergarten mit zwei Fontänen eines Springbrunnens ist als Hintergrund gemalen. Darüber erhebt sich ein blauer Himmel mit einem riesigen, gelbleuchtenden Strahlenkranz, vor den am Ostersonntag die Monstranz mit dem Allerheiligsten gestellt wurde. In neuester Zeit wird die Figur des Auferstandenen vor die hinterste Kulisse gestellt. Dadurch wird die Hintergrundmalerei zum Teil verdeckt.
Die vier Kulissen des Heiligen Grabes in Moos sind auf eine stark perspektivische Wirkung ausgerichtet. Der interessanteste Teil des großen Werkes ist naturgemäß die erste Kulisse, die Schauseite des Heiligen Grabes, während die übrigen Architektur- und Ornamentteile nur als Ausschmückung für eine tiefere Raumillusion dienen. Das gesamte Scheinstukkaturwerk sieht äußerst plastisch aus.
Tiefgläubige Geisteshaltung
Haller hat eine großartige Wirkung erzielt, die nicht zuletzt auf den Kontrast der kräftigen Farbgebung zurückgeht. Dem gesamten Werk liegt eine tiefgläubige Geisteshaltung zugrunde. In dieser Hinsicht ist er ein typischer Vertreter der Barockzeit, noch unberührt von Ideen der Aufklärung. ,, Er hat sich seine Eigenständigkeit bewahrt und kann mit keinem anderen zeitgenössischen Tiroler Maler in Verbindung gebracht werden. Unter den publizierten Heiligen Gräbern Tirols gibt es keines, das als direkte Anleitung für das in Moos gelten könnte", schreibt Barbara Zingerle.
Nicht Kugel, Kerze und gefärbtes Wasser sorgen in Moos für ein stimmungsvolles Bild, das zur Meditation einlädt, sondern die farbenprächtige Malerei eines großen, jedoch fast vergessenen Sohnes des Passeiertales.


0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen