Donnerstag, 23. September 2010

Uralte Kultstätte in St. Walburg

Das Geheimnis des Brandopferplatzes - Wissenschaftler der Uni Innsbruck untersuchen uralte Kultstätte in St. Walburg im Ultental.

Ein schöner Herbsttag im Ultental der Eisenzeit. Bis zu Christi Geburt sind es noch ein paar hundert Jahre hin, Kirchen und Kapellen gibt es nicht. Und trotzdem ist es eine Art Prozession, die sich aus dem Vinschgau, dem Etschtal und vom Nonsberg in Richtung des heutigen St. Walburg bewegt. Es sind Bauern. Sie haben Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine dabei, tragen Getreide, Brot und Hülsenfrüchte mit sich. Ihr Ziel: ein Hügel auf der Sonnenseite des Tals.


Oben auf dem Hügel angekommen, beginnen die Besucher mit ihrem unheimlich anmutenden Opferritual. Auf einem Platz von zehn Metern Breite und über 60 Metern Länge steht ein geheimnisvolles Kultbild. links und rechts davon lodert das Feuer in gemauerten Altären und Verbrennungsöfen aus Lehm. Der betörende Duft von Raucherwerk liegt in der Luft. Es riecht nach verbranntem Wacholder.
Was wird passieren? Wie geht es jetzt weiter? Wir wissen es nicht. Noch nicht. Aber seitdem klar ist, dass der einstige Brandopferplatz von St. Walburg etwas ganz Besonderes gewesen sein muss, untersuchen Wissenschaftler der Universität Innsbruck die Überreste dieser Kultstätte aus der Eisenzeit mit, wie sie sagen, „einzigartigen Ergebnissen".
Andreas Heiss, zum Beispiel:
Er ist Archäobotaniker und kann aus der Asche lesen, natürlich nur mit Hilfe modernster Technik wie der Flotationsmethode. „Die Teilnehmer an dem Ritual haben Schlafmohn verwendet", sagt er über das Ergebnis der Untersuchung von verkohlten Pflanzenresten. Mohn sei seit der Antike als Rauschmittel und Zauberpflanze überliefert gewesen, doch wozu er am Opferplatz diente, müsse derzeit noch unbeantwortet bleiben. Außerdem konnte der junge Forscher alte Weizenarten wie Dinkel und Emmer sowie Rispenhirse, Ackerbohnen und Haselnüsse nachweisen.
Das ist aber lange noch nicht alles. Um sämtlichen Geheimnissen des Ultner Brandopferplatzes auf die Spur zu kommen, stehen dem Innsbrucker Forschungsteam 237.000 Euro zur Verfügung.
Damit können die bei den Ausgrabungsarbeiten zwischen 1988 und 1998 gefundenen Überbleibsel analysiert werden. Bereits der damals zuständige Gebietsinspektor des Landesamtes für Bodendenkmaler, Hans Nothdurfter, wusste: „St. Walburg wird sich als sensationeller Fund mit europäischen Dimensionen herausstellen."
Das bestätigt Hubert Steinen an der Uni Innsbruck zuständig für die archäologische Auswertung: „Die gefundenen Strukturen sind im Alpenraum absolut einmalig." Auch er kann erste Ergebnisse seiner Arbeit vorlegen: „Die Untersuchung der verbrannten Knochen hat ergeben, dass man Haustiere opferte - und zwar lediglich Schädel und Fußteile davon." Wer aber bekam den Rest?
Vermutlich behielten die „Höhepriester" der Zeremonie die besseren Teile für sich, während das Übrige von den Bauern im gemeinsamen Kultmahl verspeist wurde.
„Größere Mengen an Scherben in Altarnähe deuten darauf hin, dass auch getrunken wurde und dass nach dem Ritual die Gefäße zerschlagen wurden", heißt es in früheren Forschungsberichten aus dem nahen Vinschgau. Scherben fanden sich nun auch in St. Walburg. Und tatsächlich kannten die Menschen damals sogar schon Bier; nicht mit Hopfen, wohl aber aus Hirse, Weizen und bitteren Kräutern gebraut, Steiner erläutert: „Mit dem Opfer von Haustieren, Getreide, Feldfrüchten und Brot vertraute man den Gottheiten, die wir nicht kennen, das Heil darüber und damit das eigene Schicksal an." Es habe sich vermutlich um einen Fruchtbarkeitskult gehandelt, der auf eine bäuerlich geprägte Kultgemeinschaft hindeute.
Landwirtschaft ist im Ultental seit etwa 2500 vor Christus betrieben worden. Den Beweis dafür erbrachte eine acht Meter tiefe Bohrung im Totenmoos, einem Hochmoor nahe der Spitzner Alm auf 1700 Metern Höhe. Aus dem Bohrkern konnten Klaus Oeggl und Werner Kotier ein so genanntes Pollenprofil erstellen. Es zeigt über den Zeitraum von der letzten Eiszeit bis heute, welche Klimaverhältnisse im Tal herrschten und was an Sträuchern- Bäumen und Gräsern gewachsen ist.
Das Bergwetter mit Hagel, Blitz und Donner, sintflutartigen Regenfällen und langen Dürreperioden mag die damaligen Menschen durchaus dazu bewogen haben, die ihnen unheimlichen Mächte mit Brandopfern zu besänftigen. Das jedenfalls glaubt auch der Leiter der einstigen Ausgrabungen, Hans Nothdurfter: „Gott hatte noch keinen Namen, man konnte ihm kein Haus bauen." Also schufen sich die Bauern der Eisenzeit einen Opferplatz mit Kultbild und Altären,
Mehr als zwei Jahrtausende später steht dort, keinen Steinwurf weit entfernt, die Pfarrkirche von St. Walburg. Und auch wenn heute keine Haustiere mehr verbrannt werden und Mohn nur noch in süßen Krapfen nachzuweisen ist, noch immer feiern die Bauern aus dem Tal und von den Bergen an dieser uralten Kultstätte ihr alljährliches Erntedankfest.

Originalartikel aus der Burggräfler WAS vom 23.10.2004, verfasst von Ralf Folgmann

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