
Müller-Thurgau aus dem Ultental
Der höchste Weinbauer von ganz Südtirol? Dem großgewachsenen Mann mit den lustig blitzenden Augen scheint die Idee zu gefallen. „Vater, nein! Im Eisacktal und drüben im Vinschgau gibts sicher noch höhere", gibt Sohn Elmar zu bedenken. „Aber sein können tät's schon", beharrt der andere, und er wirft einen Blick hinunter ins Tal. Auf die Weinhänge von Lana, diejenigen rund um Meran und - mit einem guten Auge -auf die weit drüben bei Bozen.
Der Besucher der beiden ist über die Straße von Lana heraufgekommen ins Ultental, hat noch ein gutes Stück vor dem Dorfzentrum von St. Pankraz das Schild zum Buschenschank „Außerhof' entdeckt und ist die paar restlichen Meter hinaufgestiegen. Hinauf auf immerhin 700 Meter Höhe, zu Andreas Laimer, der in diesen Tagen 67 Jahre alt wird, aber wirkt wie einer, der viel Jünger ist. Er begrüßt den Gast mit einem kräftigen Händedruck. Ob dieser zunächst ein Glaserl Wein haben will, fragt er. Und bringt einen Vernatsch, der seinesgleichen sucht.
„Da drüben", zeigt Laimer voller Stolz auf den Hang gleich neben der sonnigen Terrasse, „da wächst er." Außerdem baut er hier oben Blauburgunder und Müller-Thurgau an. Als einziger Genossenschaftswinzer des ganzen Ultentals. Direkt an der Grenze zum Gemeindegebiet Lana bringt es Laimer auf einen Ertrag von rund 120 Doppelzentnern, die er zum Teil an die Burggräfler Kellerei in Marling abliefert, hauptsächlich aber selbst im offenen Ausschank verkauft.
Der Winzer lädt seinen Gast zur Besichtigung des Buschenschankes ein. „Unser Außerhof existiert schon seit dem 13. Jahrhundert", erzählt er, dessen Familie folglich auch seit fast einem halben Jahrtausend Weinbau betreibt. Er führt den Besucher in einen großen, dunklen, aber durchaus gemütlichen Keller. Alte, gemauerte Wände, ein hölzerner Fußboden, zwei große rustikale Holztische, dazu schwere Bänke. Viele Fotos von ihm mit seinen Gästen - „Auch der Dum- walder war schon da!" - sind an ein riesiges Weinfass geheftet.
„Aber das ist noch nicht alles." Andreas Laimer zwinkert verschwörerisch und geht weiter in die an grenze iiden Räumlichkeiten. Ein Gewölbe wie in einer allen Burg, ein Hauch von Mitlelalter! „Das ist ein uralter Keller, wahrscheinlich so alt wie der Hof selbst." Wo sich's jetzt an vielen mächtigen Holztischen urigtafeln lässt, wurden einst Kartoffeln und Rüben eingelagert. Heute zählt die Speisekarte Bauernspeck, Almkäse, Graukäse, Kaminwurzen, Hauswürste und Schweinernes mit Sauerkraut auf, auf Vorbestellung auch Gegrilltes. Das meiste natürlich hausgemacht. Laimers Frau Walburga tischt dem Besucher eine Besonderheit auf: sauren Kalbskopf, Große Stücke, herrlich zart und voller Geschmack. Die resolut-freundliche Burgl ist die Chefin hier im Keiler, scherzt mit den Urlaubern, schwatzt mit den Einheimischen. 80 Prozent aller Gäste kommen aus St. Pankraz oder der näheren Umgebung. Und sie kommen immer wieder gern, manche je den Tag. „Stammgäste haben Wir viele", sagt Laimer,
Liegt es allein am guten Wein? Laimers Sohn Elmar, der drei von seinen 27 jungen Jahren an der Landwirtschaftsschule Laimburg verbracht hat, erklärt die Güte der Trauben -trotz der Höhe - mit dem sandigen Boden und viel, viel Sonne. „Die scheint selbst im Winter bei uns, wenn unten an der Straße ein jeder in Schnee und Schatten friert!" Die guten klimatischen Verhältnisse sind auch gut für das zweite Standbein der Laimers; neben dem Wem bauen sie auf sieben Hektar Äpfel an. Und - anders als unten im Tal, wo sie meist nur rosafarben wächst - wird die süße Sorte „Gala" in der Höhenlage von St. Pankraz richtig knackig rot.
Die Weinlese beginnt, der besonderen Umstände wegen, auf dem „Außerhof' zehn Tage später als im Tal. Dann wird auch bei Familie Laimer gekeltert und auf Fässer gezogen. Schließlich hat der Buschenschank sechs Monate im fahr geöffnet, heuer bis Ende November. Und die vielen Gäste wollen bewirtet werden, wenn schon nicht mit dem edlen! Tropfen des höchsten Winzers Südtirols, so aber doch mit dem des höchstgelegenen des Ultentals.
Außerdem kann sich der Wirt und Bauer vom „Außerhof" ja mit einem viel ungewöhnlicheren Superlativ schmücken. Er lädt den Besucher ein, ihn hinauszubegleiten. Die Sonne strahlt von einem tierblauen Himmel, kleine weiße Wolken ziehen von Pawigl herüber. Die Luft ist klar, warm und weich. Ein wunderschöner Herbsttag. Es geht ein paar Schritte unter den steilen Pergeln hindurch, ein Stück weit vorbei an den erntereifen Apfelbäumen.
Dann packt Laimer einen herabhängenden Zweig und schiebt ihn zur Seite. „Vielleicht bin ich wirklich nicht der höchste Weinbauer des Landes", sagt er und hat den Schalk im Blick, als er eine der reifen Früchte mit brauner Haut und saftig-süßem grünen Inneren vom Baum pflückt, „aber Südtirols höchster Kiwi-Pflanzer bin ich vielleicht schon!"


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