
Der letzte Wasserkanal des Finelebaches
Diese Wanderung ist in jeder Hinsicht leicht und problemlos; die Wege gut markiert und beschildert. Die Gesamtgehzeit beträgt 2,5 Stunden.
Der zwischen Dorf Tirol und Kuens herabtosende Finelebach hat seinen Ursprung oben bei den berühmten Spronser Seen, die aber nicht nur berühmt sind und die größte Bergseenplatte Südtirols bilden, sondern auch für das Leben der Menschen eine wichtige Rolle spielen.
Einerseits sind diese zehn Bergseen für den Fremdenverkehr von Meran und Umgebung ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor, und zum anderen — und hauptsächlich dies ist es, was uns hier interessiert — sind sie für den Wasserhaushalt ungefähr das, was anderswo Gletscher sind: Sie sammeln am Ende des Winters das Schmelzwasser der umliegenden Bergflanken und speichern es, um es dann den ganzen Sommer über gleichmäßig dem Finelebach weiterzugeben.
Das macht diesen bereits im 8. Jahrhundert schriftlich erwähnten Wildbach zu einem verlässlichen Wasserspender für die Leute, die sich in seiner Nähe niedergelassen und es verstanden haben, sich sein Wasser nutzbar zu machen. Und verstanden haben sie es! Während sie oben die Speicherkraft der zwei größten Spronser Seen durch zusätzliche Abdämmung erhöhten, zapften sie den Finelebach an verschiedenen Stellen rechts und links an. Die Dorf Tiroler, die Kuenser und die Riffianer, alle bauten sich lange Wasserwaale durch die Steilhänge des Spronser Tales zu ihren Wiesen und Höfen, und wenn sie auch dem landesfürstlichen Grundherrn auf Schloß Auer für „sein" Wasser zinsen mussten, so war das immer noch weniger arg als auf das wertvolle Spronser Wasser zu verzichten.
An all dem hat sich bis heute im Grunde nichts geändert, denn der Finelebach gibt auch heute noch bereitwillig rechts und links sein Wasser ab. Doch die Form, in der er das tut, hat sich leider schon geändert. Nahezu alle Waale sind heute nämlich durch Rohrleitungen ersetzt, und nur der höchste, der Kuenser Waal, ist noch so, wie ihn die Alten erbaut haben. Ganz von der Verrohrung ist zwar auch er nicht verschont geblieben, aber sie betrifft nur seinen letzten, glücklicherweise recht kurzen Abschnitt. Der ganze übrige bis hinein zum Finelebach unter dem Longfallhof ist ein Wasserlauf, der so durch die üppige Vegetation, durch den Waldboden und um Felsrippen herum fließt, als ob ihn nicht der Mensch, sondern die Natur selbst geschaffen hätte.
Nur da ein altes Holzgeländer, dort eine moosüberwachsene Trockenmauer oder draußen, wo die Erosion die Eiszeitmoräne angenagt und ein paar hübsche Erdpyramiden geschaffen hat, ein längeres mit Steinplatten und Erdreich abgedecktes Waalstück lassen erkennen, dass der Wasserlauf Menschenwerk ist.
Freilich, der Tiroler und der Riffianer Waal waren genauso schön und letzterer sogar doppelt so lang. Deshalb kann man nur bedauern, dass von den ehemaligen Waalen des Finelebaches nur noch der Kuenser Waal übriggeblieben ist. Doch trösten wir uns damit, dass zumindest er nicht nur die letzten Jahre, sondern mindestens sechs Jahrhunderte seit seiner Erbauung und die Zeit seit dem Jahr 1534 überlebt hat, aus welchem jene vielzitierte Kuenser Waalordnung stammt, in der es heißt, dass es den Frauen bei fünf Pfund Berner Strafe verboten sei, im Waal vor Sonnenaufgang Wäsche zu waschen oder gar — und dies galt wohl für jedermann und für jede Tages- und Nachtzeit — „unsauberes Geschlenz oder Prunzkachl darein zu schitten".
Wandervorschlag:
Allgemeines: Bei dieser schönen Waal-Rundwanderung wird zuerst der wasserführende Kuenser Waal begangen und dann auf dem Westteil des aufgelassenen Riffianer Waales zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Wegen der Unberührtheit des Gebietes mit seiner artenreichen Vegetation ist die Wanderung vor allem dem Naturfreund zu empfehlen. Außerdem bietet sie stellenweise eine zwar etwas begrenzte, aber doch schöne Aussicht. Am Kuenser Waal trifft man auf ein paar hübsche Erdpyramiden, während am Gasthaus „Ungericht" ein mächtiger Schalenstein zu besichtigen ist. Die Wanderung ist auch an heißen Sommertagen angenehm.
Die Route in Kurzform: Gasthaus „Ungericht" oberhalb Kuens-Mutlechnerhof-Kuenser Waalweg-Spronser Tal-Riftianer - Waalweg-Gh. „Ungericht".
Wegverlauf: Anfahrt von der Passeirer Straße zwischen Meran und Riffian hinauf nach Kuens und weiter bis zum Gasthaus „Ungericht" (770 m). Von da zu Fuß auf der schmalen Straße in ca. 10 Min. hinauf zum Mutlechnerhof (837 m), dann auf dem markierten Fußweg in weiteren rd. 15 Min. hinauf zum Kuenser Waalweg (in den Karten „Oberer Waalweg") und auf diesem nahezu eben in schattiger Wanderung durch die Hänge hinein bis zur Waalfassung am Finelebach (1020 Meter; ca. 15 Min. höher Einkehrmöglichkeit am Longfallhof); ab Gasthaus „Ungericht" knapp 1,5 Std. — Von der Waalfassung dann i über die Bachbrücke, orographisch rechts auf dem breiten Weg rund 10 Min. talab, dann' scharf links ab, wieder hinein zum Bach und jenseits auf dem Riffianer Waalweg in ebener Waldwanderung hinaus zum Gasthaus „Ungericht"; ab


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