Montag, 28. März 2011

Buchvorstellung: SISSI in Meran - Kleine Fluchten einer Kaiserin

Ständig unterwegs, immer auf der Flucht vor dem Zeremoniell am Hof und vor sich selbst: Die Reisetätigkeit von Kaiserin Elisabeth von Österreich ist legendär. Zum ersten Mal beschreibt jetzt ein Buch die vier zwischen 1870 und 1897 stattfindenden Reisen der Kaiserin nach Meran. Es erzählt anhand von originalen Zeitungsberichten, von Archivmaterial aus der Zeit und anhand von teils noch un-veröffentlichten Briefen von Sissis Erlebnissen am Südbalkon der Monarchie : Was hat sie in den Wochen, die sie vor allem in Meran verbrachte, erlebt? Wie war ihr Alltag? Und wie haben die Einheimischen auf diese sonderbare Frau reagiert? Über Kaiserin Elisabeths Reiseleidenschaft ist schon einiges veröffentlicht worden und jeder noch so kleine Ort, an dem die Kaiserin sich Zeit ihres Lebens aufgehalten hat, hat zumindest eine kleine Broschüre im Angebot.

Dieses Buch beschäftigt sich mit Sisis Kuraufenthalten in Meran, ein Aspekt, über den man zwar in jeder Sisi-Biographie etwas liest, aber Josef Rohrer hat in Zusammenarbeit mit dem Meraner Touriseum fleißig im Meraner Zeitungsarchiven geforscht und so einige Feinheiten herausgearbeitet, die dieses Buch zu einem Buch machen, das fast alles richtig macht.
So ist "Sisi in Meran" eine Geschichte des aufkeimenden Kurtourismus im 19.Jahrhundert und auch -man liest es mit Erstaunen und Vergnügen- eine Geschichte der Yellow Press eben dieser Zeit, wo über jeden angestauchten Knöchel einer Erzherzogin Gisela so aufbauschend berichtet wird wie über die Eskapaden heutiger Prominenter und die kleine Erzherzogin Marie Valerie genauso "lieblich" lächelt wie heutige Königskinder, wenn sie in den entsprechenden Gazetten auftauchen. Fast könnte man meinen, es hätte sich nichts geändert seit den 1870er Jahren. Dabei beschreibt Rohrer die damaligen Verhältnisse mit einer eindeutigen Sympathie für all seine "Protagonisten", ganz egal, ob es sich dabei um die Kaiserin, ihre Familie, den Hofstaat, die Bevölkerung Merans, der ansässigen Bürger und Bauern oder den damals dem Kaiser aufgrund des Konkordats nicht wohlgesonnenen Klerus handelt. (Also doch nicht alles heile Welt in Tirol.) Man könnte Rohrer den Vorwurf machen, daß er sich ein wenig zu sehr in diesen kleinen Anekdoten verliert, aber im Großen und Ganzen ist das Bild, das er zeichnet, ein präzises, das zudem mit leiser Ironie präsentiert wird und daher höchst lesbar und spannend ist. Das Bildmaterial ist ebenfalls schön gewählt und zeigt neben persönlichen Gegenständen, die der Kaiserin zugeschrieben werden und einigen allseits bekannten Gemälden und Fotografien größtenteils historisches Bildmaterial von Meran im 19. Jahrhundert. Hinzu kommt ein ordentliches Quellenverzeichnis, das sich wie gesagt, neben der Standardliteratur über Kaiserin Elisabeth (Hamann, Christomanos, Sztáray) auch -und das fällt wirklich angenehm auf- auf Archive und Zeitungen beruft, was zeigt, daß der Autor sich auch eigene Gedanken gemacht hat, anstatt von Kollegen abzuschreiben, wie es in solchen Fällen gerne mal vorkommt.
Wir finden, das ist das ideale Buch, um sich auf einen Ferienaufenthalt im Belvita Hotel Adria (vormals Hotel Austria) in  Meran einzustimmen. Wir wünschen ein besinnliches Lesevergnügen.

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