Meran war eine der am südlichsten gelegenen
Städte des österreichisch-ungarischen Reichs, bevor man den obersten Gardaseeraum
annektierte. Der Ort war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Kurstadt
zu Berühmtheit gelangt - allerdings war das sehr trockene Winterklima schon
vorher bekannt gewesen. In der ersten Jahrhunderthälfte hatten sich so vornehme
Gäste wie die Könige von Preußen und Belgien sowie andere königliche Prominenz,
hier aufgehalten. Die österreichische Kaiserin Elisabeth hatte zwei Winter in
Folge mit ihrem Töchterchen in Meran verbracht. Man munkelte sogar von einem
Besuch des Zaren. Selbstverständlich machte die Nachricht dieser Besuche auf
allen Höfen und hochbürgerlichen Salons Europas die Runde, weshalb Meran sehr
rasch zum Ziel einer erlauchten Klientel wurde.
Im Jahr 1867 wurde die Brennereisenbahn
eingeweiht und 1881 die Linie Bozen-Meran eröffnet. Meran hatte damit Anschluss
an die wichtigsten Städte Europas. Dieses Ereignis beschleunigte die
Entwicklung des Fremdenverkehrs und tatsächlich stieg die Gästezahl sprunghaft
an. Auch viele Russen kamen. Schon in der Saison 1884/85 wurden sie mit 1.023
Gästen nach den 3.413 Deutschen und 2.600 Österreichern an dritter Stelle in
den Beherbergungslisten geführt. Es gab eine direkte Verbindung der
österreichisch-ungarischen Eisenbahn zwischen Meran und St. Petersburg. Der Zug startete auf dem Hauptbahnhof von
Petersburg dreimal in der Woche. Über Warschau, Prag, Wien und nach
einem Halt in Bozen kam man so nach Meran. Die Fahrt dauerte 53 Stunden. Weil
die Zahl der russischen Gäste so hoch war, erteilte die Kurverwaltung die
Erlaubnis, orthodoxe Gottesdienste zu feiern. Diese Messen wurden in der Villa
Stephanie gelesen. Schon seit 1875 gab es eine private Vereinigung wohlhabender
russischer Bürger, die in Meran lebten. “Russenkomitee“ nannte sich dieser
Zirkel und lebte von der Wohlfahrt seiner Mitglieder, die beschlossen hatten,
eine private Aufnahmestelle einzurichten, ein Heim, um bedürftige und
tuberkulosekranke Russen den Kuraufenthalt in Meran zu ermöglichen. In der
Fremdenliste - sie wurde von der Kurverwaltung monatlich herausgegeben und enthielt
neben Werbeeinschaltungen Namen, Herkunft und Wohnsitz in Meran der Gäste -
finden sich Dutzende und Aberdutzende russische Namen: Adlige, freiberuflich
Tätige, Industrielle und Kaufleute.
Es scheint, als ob auch Ihre
kaiserliche Hoheit Großfürstin Alexandra von Russland 1896 unter den illustren
Gästen Merans geweilt hätte, in der kaiserlichen Villa in Obermais (Imperial).
Russland erlebte damals eine nicht unerhebliche Wirtschaftsentwicklung, und die
durch Eisenbahn- und Hafenbau, durch Getreide- und Holzausfuhr reich gewordenen
Industriellen konnten sich den Aufenthalt leisten.
Meran war nicht allein mit den Vorzügen
des milden Klimas und gesunder Luft ausgestattet, sondern besaß außerdem noch
leicht radioaktives Wasser mit Radonspuren, ein Edelgas mit ausgezeichneter
Heilwirkung. Also baute man noch die Thermalbäder. In luxuriöser und eleganter
Atmosphäre konnten die Gäste ihren Stand, ihre gesellschaftliche Stellung zur
Schau stellen. Sogar Trauerzüge waren verboten worden, um den Gedanken an den
Tod von der Stadt fernzuhalten. Und wenn bis in die Siebzigerjahre die
Tuberkulosenkranken gemischt in Gasthöfen und Pensionen untergekommen waren,
entstanden in der Folge nach der Entdeckung der Tuberkulosebehandlung verschiedene
Sanatorien für die Aufnahme der Patienten.
Nadezda Ivanovna Borodina, Tochter eines leitenden Hofbeamten des
Zaren Nikolaus, war mit ihrer Mutter nach Meran gekommen, um ihre Tuberkulose
behandeln zu lassen. Der Aufenthalt in Meran genügte allerdings nicht, um ihr
Leiden zu lindern, sie lebte nicht mehr lange und verstarb am 16. April 1889
im Alter von siebenunddreißig Jahren. Nadezda hinterließ in ihrem Testament dem
Russenkomitee eine beachtliche Summe, um das Russenhaus fertigzustellen. Im
Testament vom April 1889 hinterließ Nadezda Borodina 100.000 Rubel für den Bau
eines Heims mit preiswerten Unterkünften für nicht besonders wohlhabende und
brustkranke Russen und für den Bau einer neuen orthodoxen Kirche die ebenfalls
St. Nikolaus geweiht werden sollte. Das neue Haus bekam den Namen seiner
Stifterin: Villa Borodine. Die Leitung wurde Frau Faina von Messing übertragen,
Ehrenmitglied und Sekretärin des Vereins. Das zweite Gebäude nannte man nach Nadezdas
Geburtsstadt Villa Moskau. Am 3. Dezember 1889 feierte die russische Gemeinde
die festliche Eröffnung ihrer Kirche.
Einmal im Jahr regelmäßig und fleißig verfasste
und schickte man die Protokolle der Ratssitzungen unter dem Vorsitz Dr. Messings
an die russische Botschaft in Wien. Man empfing die Gäste jedes Jahr nach dem
15. September. Die Hausordnung war ziemlich streng und umfängreich. Die Villa
verfügte über 19 Zimmer mit insgesamt etwa 30 Betten. Dafür konnte man im
Vorraum auf dem schönen Flügel Klavier spielen, und dort fanden auch häufig
Musikabende statt. Einige Artikel der Hausordnung scheinen tatsächlich sehr streng
zu sein. Man nahm im Haus nur Orthodoxe auf und verlangte den Taufschein.
Um
die russische Eigenheit zu erhalten, waren Polen und Juden nicht zugelassen,
offenbar eine klare Diskriminierung, da auch sie Untertanen des russischen
Reichs waren. Damit die Kurgäste nicht beunruhigt würden, nahm man keine
unheilbar Kranken auf. Das Haus besaß eine gut bestückte Bibliothek mit vielen
Büchern in russischer, französischer, deutscher, englischer und italienischer
Sprache, einen Lese- und Unterhaltungsraum, in dem Zeitschriften in drei
Sprachen auflagen sowie Schachspiele und anderweitiger Zeitvertreib zur
Verfügung standen. Man speiste russische Küche. Ein gutes Bild der
gesellschaftlichen Zusammensetzung im russischen. Haus vermittelt uns das
"Beicht- und Kommunionsarchiv" der orthodoxen Kirche Meran. Auf diese
Weise wissen wir, dass sich in Meran Mitglieder vieler berühmter Familien
aufhielten: Graf A. Kankrin, Fürst A. Gagarin, Senator V. Rat'kov- Roznov, die
Grafen Kleinmichel, die Fürstinnen O. Urusova und A. Sachovskaja, die Gräfinnen
V. Gorcakova und A. Stenbok, die Baronin V. Vrangel`, A. F. Tjutceva, die
Tochter des Dichters. Regelmäßig jeden Winter kam der russische Generalkonsul
in Wien, A. Kudrjavcev.
Trotzdem wurde die Absicht des Wohlfahrtskomitees erfüllt,
Kranken der unteren Gesellschaftsschichten zu helfen, da die übergroße Mehrheit
der Gäste aus Studenten, Lehrern, Hauslehrerinnen, Ingenieuren und sogar Bauern
aus den entlegensten Ecken Russlands bestand. Zahlreiche kranke Kinder und
Jugendliche wurden von den Eltern begleitet. Die letzten Auszeichnungen der
Kommunionempfänger stammen aus dem Winter 1914.
Der Erste Weltkrieg versetzte der russischen Kolonie den Gnadenstoß,
nachher vermochte sie es nie mehr, sich zu erholen. Russland und Österreich
führten gegeneinander einen Krieg, der mit dem Zusammenbruch beider Reiche
endete. Mit dem Beginn der Kampfhandlungen hörte das heitere und ruhige Leben
im Russenhaus für immer auf. Die Wintersaison 1913/14 war die letzte dieser
Art. Anstelle wohlhabender russischer Kurgäste kam nunmehr eine vollkommende
andere Menschengruppe nach Südtirol: die Kriegsgefangenen. In den Kriegsjahren
blieben eigentlich nur zwei Russen in Meran, das unermüdliche Geschwisterpaar
Messing, das für das Russenhaus Pate gestanden hatte. Nach Kriegsende ergab
sich eine vollkommende neue Lage für das Haus. Erst einmal stand es nicht mehr
auf österreichischem Boden, zum Zweiten wurde es völlig von Russland
abgeschnitten, nachdem dort die Bolschewiken die Macht übernommen hatten. Nach
dem Bürgerkrieg überschwemmten Flüchtlinge der unterschiedlichsten politischen
Richtungen ganz Westeuropa, von rechten Monarchisten bis zu linken Sozialrevolutionären.
Zu Beginn der Zwanzigerjahre nahm die Mehrheit der russischen Emigranten zur
Kenntnis, dass die Bolschewiken an die Macht gekommen waren, um sie lange zu
behalten. Damals, also 1924, lebten 64 Menschen in der Villa Borodine, aber die
Zahl ging unaufhaltsam zurück. Das russische Leben begann zu verfallen. Es
kommt bei Auswanderern häufig vor, die ihrer Lebensgewohnheit entwurzelt und
ihres Lebensunterhalts verlustig wurden, dass sie ihre Nachbarn mit ihren
Depressionen überschütten. Die Auseinandersetzungen verschiedenster Ursachen zerstörten
die russische Kolonie. Anfang 1930 blieben in der Villa Borodine gerade noch
fünf oder sechs Menschen. Die Geschwister Messing alterten, und das russische
Komitee stellte praktisch seine Tätigkeit ein.
Die Villa selbst wurde für die
folgenden fünf Jahre der Leitung Veronika Albers unterstellt. Unter ihrer
Führung erholte sich die Finanzlage. In den zehn Jahren zwischen den Zwanziger-
und den Dreißigerjahren bereute der Seelsorger von Florenz, Pater Joann Leljuchin,
das religiöse Leben in Meran. Im Oktober des Jahres 1926 feierte er im Friedhof
von Gries bei Bozen die Totenmesse für die Tochter der großen russischen
Schriftstellers Dostojevskij, Luibov', die, so steht es im Melderegister der
russischen Kirche Florenz, an Leukämie starb. Am 8. April 1938 verschied Faina
von Messing im Alter von 90 Jahren. In den letzten Jahren war die „Starosta“
(Verwalterin) der Kirchengemeinde nicht mehr in der Lage gewesen, das Haus zu
rühren. Faina von Messing hatte fast bis zuletzt uneigennützig (sie schöpfte
alle möglichen Mittel für den Unterhalt des Hauses Borodine aus und sicherte
sich sogar die Schirmherrschaft der belgischen Königin Elisabeth,
deren Mutter
in den Dreißigerjahren nach Meran gekommen war) das Haus geleitet. Als sie das
Ende nahen fühlte, schlug sie Olga Sture als ihre Nachfolgerin vor.
Ende der
Dreißigerjahre lebten nur drei Menschen in der russischen Gemeinde, Frau Sture,
Frau Popova (die sich selbst Fürstin Gagarin nannte) und Frau Pravossudovic. Natalie
Pravossudovic war zweifelsohne einer der interessantesten Persönlichkeiten, die
damals in der Villa Borodine lebten. Die talentierte, jedoch weitgehend unbekannte
Komponistin wurde am 14. August 1899 in Vilnius geboren. Sie schaffte ihren Abschluss
als Privatkandidatin. In der Folge studierte sie bei Sergej Liapunov Kompositionslehre
und erhielt 1925 am Konservatorium in St. Petersburg, dessen Direktor damals Aleksandr
Costantinovic Glazunov war, das Diplom. 1928 durfte sie auf dessen Empfehlung
hin nach Berlin ausreisen und die Meisterklasse der Preußischen Akademie der
Künste bei Prof. Arnold Schönberg besuchen. Im Herbst des Jahres 1962 gewann
sie den internationalen Wettbewerb „Helena Rubinstein" in Buenos Aires in Argentinien
mit der Klaviersonate op. 13. Ab dem Frühjahr 1963 verschlechterte sich ihr
Sehvermögen derart, dass sie nicht mehr in der Lage war, Musik zu schreiben. Natalia
Pravossudovie verstarb am 2. September 1988 in Meran.
Ab Juni 1943 wurden das
Borodine samt Nebengebäude, Einrichtung und Wäsche den Schwestern vom Medeerorden
unter Oberschwester Angela Migone Di Francesco anvertraut. Während des Krieges
waren in Meran Krankenhäuser für die deutschen Soldaten eingerichtet worden, in
denen auch aus dem Sowjetgebiet ausgewiesene (oder freiwillige ausgewanderte)
Frauen tätig waren. Merkwürdige Schicksale brachten Menschen sogar vom
Kaukasus, die in der Wehrmacht Dienst leisteten, nach Meran. Nach Kriegsende
suchten einige Sowjetmissionen nach solchen, die sich mit der Bevölkerung
„vermischt“ hätten sowie nach den „Verrätern“. 1946 geriet eine dieser
Missionen auch in das russische Haus und sorgten für große, jedoch unnötige
Aufregung. 1950 verstarb in Paris Pater Ioann Kurakin, der Rektor der
russisschen Gemeinde. Ab 1954 wird die Villa Borodine vermietet, um die Kosten
der Stiftung zu decken.
Auch das Hotel Adria birgt eine spannende Geschichte in sich. Leben und erleben Sie den Charme der Belle Epoque in jedem Winkel dieses Hauses.
Auszug aus der Tageszeitung vom Freitag 29. April 2011. Autorin: Bianca Marabini-Zöggeler
Interessantes Buch zu diesem Thema: "Die russische Kolonie in Meran" - Hundert Jahre russisches Haus "Borodine"
Interessantes Buch zu diesem Thema: "Die russische Kolonie in Meran" - Hundert Jahre russisches Haus "Borodine"



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