Donnerstag, 10. November 2011

Das Meraner Russenhaus


Ende des 19. Jahrhunderts war Meran vor allem für die Russen ein beliebter Urlaubs- und Kurort. In der Passerstadt entstand rund um die Villa "Borodine" eine große Russenkolonie. Bianca-Marabini Zöggeler hat die Geschichte der Russen in Meran nachgezeichnet. Gesichte lebt auch im Belvita Hotel Adria und gerade darum sind alle geschichtlichen Ereignis rund um Meran unabdingbar damit verbunden.

Meran war eine der am südlichsten gelegenen Städte des österreichisch-ungarischen Reichs, bevor man den obersten Gardaseeraum annektierte. Der Ort war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Kurstadt zu Berühmtheit gelangt - allerdings war das sehr trockene Winterklima schon vorher bekannt gewesen. In der ersten Jahrhunderthälfte hatten sich so vornehme Gäste wie die Könige von Preußen und Belgien sowie andere königliche Prominenz, hier aufgehalten. Die österreichische Kaiserin Elisabeth hatte zwei Winter in Folge mit ihrem Töchterchen in Meran verbracht. Man munkelte sogar von einem Besuch des Zaren. Selbstverständlich machte die Nachricht dieser Besuche auf allen Höfen und hochbürgerlichen Salons Europas die Runde, weshalb Meran sehr rasch zum Ziel einer erlauchten Klientel wurde.

Im Jahr 1867 wurde die Brennereisenbahn eingeweiht und 1881 die Linie Bozen-Meran eröffnet. Meran hatte damit Anschluss an die wichtigsten Städte Europas. Dieses Ereignis beschleunigte die Entwicklung des Fremdenverkehrs und tatsächlich stieg die Gästezahl sprunghaft an. Auch viele Russen kamen. Schon in der Saison 1884/85 wurden sie mit 1.023 Gästen nach den 3.413 Deutschen und 2.600 Österreichern an dritter Stelle in den Beherbergungslisten geführt. Es gab eine direkte Verbindung der österreichisch-ungarischen Eisenbahn zwischen Meran und St. Petersburg. Der Zug startete auf dem Hauptbahnhof von Petersburg dreimal in der Woche. Über Warschau, Prag, Wien und nach einem Halt in Bozen kam man so nach Meran. Die Fahrt dauerte 53 Stunden. Weil die Zahl der russischen Gäste so hoch war, erteilte die Kurverwaltung die Erlaubnis, orthodoxe Gottesdienste zu feiern. Diese Messen wurden in der Villa Stephanie gelesen. Schon seit 1875 gab es eine private Vereinigung wohlhabender russischer Bürger, die in Meran lebten. “Russenkomitee“ nannte sich dieser Zirkel und lebte von der Wohlfahrt seiner Mitglieder, die beschlossen hatten, eine private Aufnahmestelle einzurichten, ein Heim, um bedürftige und tuberkulosekranke Russen den Kuraufenthalt in Meran zu ermöglichen. In der Fremdenliste - sie wurde von der Kurverwaltung monatlich herausgegeben und enthielt neben Werbeeinschaltungen Namen, Herkunft und Wohnsitz in Meran der Gäste - finden sich Dutzende und Aberdutzende russische Namen: Adlige, freiberuflich Tätige, Industrielle und Kaufleute.

Villa Borodine
Es scheint, als ob auch Ihre kaiserliche Hoheit Großfürstin Alexandra von Russland 1896 unter den illustren Gästen Merans geweilt hätte, in der kaiserlichen Villa in Obermais (Imperial). Russland erlebte damals eine nicht unerhebliche Wirtschaftsentwicklung, und die durch Eisenbahn- und Hafenbau, durch Getreide- und Holzausfuhr reich gewordenen Industriellen konnten sich den Aufenthalt leisten.
Meran war nicht allein mit den Vorzügen des milden Klimas und gesunder Luft ausgestattet, sondern besaß außerdem noch leicht radioaktives Wasser mit Radonspuren, ein Edelgas mit ausgezeichneter Heilwirkung. Also baute man noch die Thermalbäder. In luxuriöser und eleganter Atmosphäre konnten die Gäste ihren Stand, ihre gesellschaftliche Stellung zur Schau stellen. Sogar Trauerzüge waren verboten worden, um den Gedanken an den Tod von der Stadt fernzuhalten. Und wenn bis in die Siebzigerjahre die Tuberkulosenkranken gemischt in Gasthöfen und Pensionen untergekommen waren, entstanden in der Folge nach der Entdeckung der Tuberkulosebehandlung verschiedene Sanatorien für die Aufnahme der Patienten.
Nadezda Ivanovna Borodina, Tochter eines leitenden Hofbeamten des Zaren Nikolaus, war mit ihrer Mutter nach Meran gekommen, um ihre Tuberkulose behandeln zu lassen. Der Aufenthalt in Meran genügte allerdings nicht, um ihr Leiden zu lindern, sie lebte nicht mehr lange und verstarb am 16. April 1889 im Alter von siebenunddreißig Jahren. Nadezda hinterließ in ihrem Testament dem Russenkomitee eine beachtliche Summe, um das Russenhaus fertigzustellen. Im Testament vom April 1889 hinterließ Nadezda Borodina 100.000 Rubel für den Bau eines Heims mit preiswerten Unterkünften für nicht besonders wohlhabende und brustkranke Russen und für den Bau einer neuen orthodoxen Kirche die ebenfalls St. Nikolaus geweiht werden sollte. Das neue Haus bekam den Namen seiner Stifterin: Villa Borodine. Die Leitung wurde Frau Faina von Messing übertragen, Ehrenmitglied und Sekretärin des Vereins. Das zweite Gebäude nannte man nach Nadezdas Geburtsstadt Villa Moskau. Am 3. Dezember 1889 fei­erte die russische Gemeinde die festliche Eröffnung ihrer Kirche.
Einmal im Jahr regelmäßig und fleißig verfasste und schickte man die Protokolle der Ratssitzungen unter dem Vorsitz Dr. Messings an die russische Botschaft in Wien. Man empfing die Gäste jedes Jahr nach dem 15. September. Die Hausordnung war ziemlich streng und umfängreich. Die Villa verfügte über 19 Zimmer mit insgesamt etwa 30 Betten. Dafür konnte man im Vorraum auf dem schönen Flügel Klavier spielen, und dort fanden auch häufig Musikabende statt. Einige Artikel der Hausordnung scheinen tatsächlich sehr streng zu sein. Man nahm im Haus nur Orthodoxe auf und verlangte den Taufschein.
Um die russische Eigenheit zu erhalten, waren Polen und Juden nicht zugelassen, offenbar eine klare Diskriminierung, da auch sie Untertanen des russischen Reichs waren. Damit die Kurgäste nicht beunruhigt würden, nahm man keine unheilbar Kranken auf. Das Haus besaß eine gut bestückte Bibliothek mit vielen Büchern in russischer, französischer, deutscher, englischer und italienischer Sprache, einen Lese- und Unterhaltungsraum, in dem Zeitschriften in drei Sprachen auflagen sowie Schachspiele und anderweitiger Zeitvertreib zur Verfügung standen. Man speiste russische Küche. Ein gutes Bild der gesellschaftlichen Zusammensetzung im russischen. Haus vermittelt uns das "Beicht- und Kommunionsarchiv" der orthodoxen Kirche Meran. Auf diese Weise wissen wir, dass sich in Meran Mitglieder vieler berühmter Familien aufhielten: Graf A. Kankrin, Fürst A. Gagarin, Senator V. Rat'kov- Roznov, die Grafen Kleinmichel, die Fürstinnen O. Urusova und A. Sachovskaja, die Gräfinnen V. Gorcakova und A. Stenbok, die Baronin V. Vrangel`, A. F. Tjutceva, die Tochter des Dichters. Regelmäßig jeden Winter kam der russische Generalkonsul in Wien, A. Kudrjavcev.
Trotzdem wurde die Absicht des Wohlfahrtskomitees erfüllt, Kranken der unteren Gesellschaftsschichten zu helfen, da die übergroße Mehrheit der Gäste aus Studenten, Lehrern, Hauslehrerinnen, Ingenieuren und sogar Bauern aus den entlegensten Ecken Russlands bestand. Zahlreiche kranke Kinder und Jugendliche wurden von den Eltern begleitet. Die letzten Auszeichnungen der Kommunionempfänger stammen aus dem Winter 1914.
Der Erste Weltkrieg versetzte der russischen Kolonie den Gnadenstoß, nachher vermochte sie es nie mehr, sich zu erholen. Russland und Österreich führten gegeneinander einen Krieg, der mit dem Zusammenbruch beider Reiche endete. Mit dem Beginn der Kampfhandlungen hörte das heitere und ruhige Leben im Russenhaus für immer auf. Die Wintersaison 1913/14 war die letzte dieser Art. Anstelle wohlhabender russischer Kurgäste kam nunmehr eine vollkommende andere Menschengruppe nach Südtirol: die Kriegsgefangenen. In den Kriegsjahren blieben eigentlich nur zwei Russen in Meran, das unermüdliche Geschwisterpaar Messing, das für das Russenhaus Pate gestanden hatte. Nach Kriegsende ergab sich eine vollkommende neue Lage für das Haus. Erst einmal stand es nicht mehr auf österreichischem Boden, zum Zweiten wurde es völlig von Russland abgeschnitten, nachdem dort die Bolschewiken die Macht übernommen hatten. Nach dem Bürgerkrieg überschwemmten Flüchtlinge der unterschiedlichsten politischen Richtungen ganz Westeuropa, von rechten Monarchisten bis zu linken Sozialrevolutionären. Zu Beginn der Zwanzigerjahre nahm die Mehrheit der russischen Emigranten zur Kenntnis, dass die Bolschewiken an die Macht gekommen waren, um sie lange zu behalten. Damals, also 1924, lebten 64 Menschen in der Villa Borodine, aber die Zahl ging unaufhaltsam zurück. Das russische Leben begann zu verfallen. Es kommt bei Auswanderern häufig vor, die ihrer Lebensgewohnheit entwurzelt und ihres Lebensunterhalts verlustig wurden, dass sie ihre Nachbarn mit ihren Depressionen überschütten. Die Auseinandersetzungen verschiedenster Ursachen zerstörten die russische Kolonie. Anfang 1930 blieben in der Villa Borodine gerade noch fünf oder sechs Menschen. Die Geschwister Messing alterten, und das russische Komitee stellte praktisch seine Tätigkeit ein.
Die Villa selbst wurde für die folgenden fünf Jahre der Leitung Veronika Albers unterstellt. Unter ihrer Führung erholte sich die Finanzlage. In den zehn Jahren zwischen den Zwanziger- und den Dreißigerjahren bereute der Seelsorger von Florenz, Pater Joann Leljuchin, das religiöse Leben in Meran. Im Oktober des Jahres 1926 feierte er im Friedhof von Gries bei Bozen die Totenmesse für die Tochter der großen russischen Schriftstellers Dostojevskij, Luibov', die, so steht es im Melderegister der russischen Kirche Florenz, an Leukämie starb. Am 8. April 1938 verschied Faina von Messing im Alter von 90 Jahren. In den letzten Jahren war die „Starosta“ (Verwalterin) der Kirchengemeinde nicht mehr in der Lage gewesen, das Haus zu rühren. Faina von Messing hatte fast bis zuletzt uneigennützig (sie schöpfte alle möglichen Mittel für den Unterhalt des Hauses Borodine aus und sicherte sich sogar die Schirmherrschaft der belgischen Königin Elisabeth,
deren Mutter in den Dreißigerjahren nach Meran gekommen war) das Haus geleitet. Als sie das Ende nahen fühlte, schlug sie Olga Sture als ihre Nachfolgerin vor.
Ende der Dreißigerjahre lebten nur drei Menschen in der russischen Gemeinde, Frau Sture, Frau Popova (die sich selbst Fürstin Gagarin nannte) und Frau Pravossudovic. Natalie Pravossudovic war zweifelsohne einer der interessantesten Persönlichkeiten, die damals in der Villa Borodine lebten. Die talentierte, jedoch weitgehend unbekannte Komponistin wurde am 14. August 1899 in Vilnius geboren. Sie schaffte ihren Abschluss als Privatkandidatin. In der Folge studierte sie bei Sergej Liapunov Kompositionslehre und erhielt 1925 am Konservatorium in St. Petersburg, dessen Direktor damals Aleksandr Costantinovic Glazunov war, das Diplom. 1928 durfte sie auf dessen Empfehlung hin nach Berlin ausreisen und die Meisterklasse der Preußischen Akademie der Künste bei Prof. Arnold Schönberg besuchen. Im Herbst des Jahres 1962 gewann sie den internationalen Wettbewerb „Helena Rubinstein" in Buenos Aires in Argentinien mit der Klaviersonate op. 13. Ab dem Frühjahr 1963 verschlechterte sich ihr Sehvermögen derart, dass sie nicht mehr in der Lage war, Musik zu schreiben. Natalia Pravossudovie verstarb am 2. September 1988 in Meran.
Ab Juni 1943 wurden das Borodine samt Nebengebäude, Einrichtung und Wäsche den Schwestern vom Medeerorden unter Oberschwester Angela Migone Di Francesco anvertraut. Während des Krieges waren in Meran Krankenhäuser für die deutschen Soldaten eingerichtet worden, in denen auch aus dem Sowjetgebiet ausgewiesene (oder freiwillige ausgewanderte) Frauen tätig waren. Merkwürdige Schicksale brachten Menschen sogar vom Kaukasus, die in der Wehrmacht Dienst leisteten, nach Meran. Nach Kriegsende suchten einige Sowjetmissionen nach solchen, die sich mit der Bevölkerung „vermischt“ hätten sowie nach den „Verrätern“. 1946 geriet eine dieser Missionen auch in das russische Haus und sorgten für große, jedoch unnötige Aufregung. 1950 verstarb in Paris Pater Ioann Kurakin, der Rektor der russisschen Gemeinde. Ab 1954 wird die Villa Borodine vermietet, um die Kosten der Stiftung zu decken.

Auch das Hotel Adria birgt eine spannende Geschichte in sich. Leben und erleben Sie den Charme der Belle Epoque in jedem Winkel dieses Hauses. 
Auszug aus der Tageszeitung vom Freitag 29. April 2011. Autorin: Bianca Marabini-Zöggeler
Interessantes Buch zu diesem Thema: "Die russische Kolonie in Meran" - Hundert Jahre russisches Haus "Borodine"

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